Natur/Unterwegs

Die Legende vom Weissensee

Meine Lieben, von einem wunderschönen See in Kärnten, dem Weissensee, erzählt das Märchen

Morgenrot küsst Silbermond.

Eingebettet zwischen zwei sanften Gebirgszügen im Herzen der Alpen ruht ein klarer, naturbelassener See, an dessen Ufern sich einmal eine wundersame Geschichte zugetragen hat. Auch damals führte kein Steig oder Pfad rund um das Wasser, und die Menschen mieden den finsteren Wald, das sumpfige Schilf und die schroffen Steinwände an den Untiefen des Sees. Noch spannte sich keine Brücke über den See und daher gelangten die Bewohner des nördlichen und südlichen Ufers nur mit Flößen und Ruderbooten zueinander. Das stand auch einem jungen Brautpaar bevor, welches über die Ufergrenzen hinweg Hochzeit feiern wollte, als gerade der Frühling erwachte.

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Die Braut, die in einem Dorf am Südufer lebte, war von solcher Anmut und Schönheit, dass sie den Neid und die Missgunst der „Laka-Hexen“ auf sich zog. Diese arglistigen Hexen aus der „Laka“, einem abgelegenen, verwunschenen Waldstück am See, schmiedeten einen teuflischen Plan, welcher die Hochzeit mit dem Bräutigam vom Nordufer im letzten Moment verhindern sollte.

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Kurz bevor die Bootsleute mit der Braut und ihrer Hochzeitsgesellschaft vom Südufer ablegen wollten, verwandelte ein böser Zauber der Laka-Hexen alle Boote und Flöße in riesige Seeforellen. Und sogleich tauchten die glänzenden Zaubergeschöpfe in die Tiefen des Wassers hinab, wo sie fortan die Angelleinen der Fischer zerrissen.

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Da die beiden Liebenden nun nicht mehr zueinander kommen konnten, breitete sich in beiden Dörfern große Traurigkeit aus. Gegenüber der Laka, hoch über den Wellen des Sees, an einem heiligen Ort im senkrechten Fels, wohnten aber die Saligen Frauen. Diese gütigen Feen wachten vom Dolmetzenloch aus, einer geheimnisvollen Höhle, über das Schicksal des Tales. Als zarte, graue Nebelschwaden zogen sie über die Wasser, um flüsternd und wispernd den Menschen am Ufer gegen das Böse zu raten.

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Die saligen Frauen wussten um das Geheimnis, von welchem das Glück der Liebenden abhängig war. Daher gaben sie den Dorfbewohnern zu verstehen, dass der Fluch nur ein Ende finden werde, wenn Sonne und Mond sich küssen. Und das alte Schilf vom letzten Jahr wiegte sich im Takt der leisen Stimmen, die ständig wiederholten. „Erst wenn Tag und Nacht vereint sich zeigen, löst sich auf der böse Reigen“.

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So bat der Bräutigam den mächtigsten Hirsch aus den Wäldern im Norden um seine Hilfe. Der edle Geweihträger sagte sie ihm zu und trat eines Nachts lautlos aus dem Dickicht hervor. Mit aller Kraft stemmte er seine Hufe in den Boden und versuchte mit seinem in das Firnament ragenden Geweih den Vollmond solange am Himmel festzuhalten, bis dieser am Morgen die aufgehende Sonne berühren würde. Doch bereits kurz nach Mitternacht, als der Mond seinen hellsten Schein erreichte, brach er dem stolzen Tier beide Stangen seines Geweihs, und ehe sich noch die Sonne im Osten erhob, war der Mond mit fahlem Licht hinter einem Bergrücken verschwunden. Wie verzweigte, von Wassermoos bewachsene Baumstämme liegen seit diesem Tag die sprossenreichen Stangen des Hirsches in einer Bucht des Sees und erinnern an den verlorenen Kampf.

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Die Braut ihrerseits sandte sieben Raben aus dem Süden los, damit sie in die Unendlichkeit des Himmels aufsteigen, um einen Kuss der Sonne für ihren nächtlichen Widerpart zu erbitten. Wild mit den Flügeln schlagend, erhoben sich die Vögel hoch über das Tal. Als sie der Sonne jedoch zu nahe kamen, hatten die gleißenden, heißen Strahlen ihre Federkleider zur Gänze gebleicht. Voller Scham kehrte der ganze Schwarm als Möwen zurück und ließ sich auf den kühlen, tänzelnden Wellen treiben.

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Wenige Wochen später war es Mai geworden. Die beiden Liebenden schnitzten sich aus den Ästen der Uferweiden zwei Flöten, welche die Seebewohner „Maipfeiferln“ nannten, und setzten sich spätabends an die gegenüberliegenden Ufer und spielten füreinander. Der Nord- und der Südwind trugen die flüsternden Melodien über die Wellen hin und her, und das ganze Tal lauschte gerührt den sehnsuchtsvollen Weisen.

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es hat geschneit

Die Melodien der Braut waren so voll Wehmut, dass sogar der Mond zu weinen begann und Träne für Träne sich silbern in den See ergoss. Da färbte sich der Sand in den Uferbuchten strahlend weiß. In dieser Nacht wurde der See einzigartig und man gab ihm von nun an den klingenden Namen „Weissensee“.

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Als die Finger der Braut in den Morgenstunden ermüdeten, setzte der Bräutigam sein Spiel noch so lange fort, bis kleine Blutstropfen auf seinen Fingern schimmerten. Betroffen über das Übermaß seiner Liebe, errötete die aufgehende Sonne, und es geschah, dass ihr purpurner, prächtiger Himmelsschleier wie in einem zärtlichen Kuss mit dem mondgetränkten See verschmolz.

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Das Morgenrot tauchte ein in das Wasser des Weissensees und wurde eins mit den Tränen des Mondes. Und für ein paar Augenblicke verschwand die Grenze zwischen Tag und Nacht durch den Sieg der Liebe. Diese stille Berührung reichte aus, um allen bösen Zauber zu brechen. Aus schäumend tosendem Wasser erhob sich majestätisch und auf wundersame Weise an der schmalsten Stelle eine Brücke wie ein Regenbogen und spannte sich über den See, um von nun an die beiden Dörfer des Brautpaares zu verbinden.

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Jetzt endlich konnten die Liebenden aus Nord und Süd zueinander gelangen und überglücklich wurde schon bald Hochzeit gefeiert.
Wohl gerieten im Laufe der Jahrhunderte die Namen von Braut und Bräutigam in Vergessenheit. Aber der Kuss der Himmelsgestirne im Wasser wiederholt sich seitdem immer wieder aufs Neue, wenn am Morgen nach Vollmond am See der Tag anbricht. Dieses Naturschauspiel beeindruckte selbst die Laka-Hexen, und jedesmal, wenn Morgenrot und Silbermond sich küssten, verwandelten sich manche von ihnen in Seerosen und andere in blühende Gärten duftender Alpenpflanzen. Wie funkelnde Juwelen leuchten sie heute noch von den Seewiesen hinauf bis zu den Almen, um Jahr für Jahr die Herzen der Badenden und Wanderer zu erfreuen.

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 Das Märchen habe ich am Uferweg von Techendorf nach Naggl gefunden. Dort ist es, verteilt auf sieben Tafeln, auf einer Strecke von eineinhalb Kilometer nachzulesen….für den Fall, dass ihr da selbst einmal hinkommt. Es lohnt sich!

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6 Kommentare zu “Die Legende vom Weissensee

  1. Eine sehenswerte Darstellung mit so schönem Text. Ich habe heute unseren See umrundet und finde ihn immer wieder schön, aber wenn ich ihn mit deinen Fotos vergleiche, sieht er blass aus.
    Aber egal, Schönheit liegt im Auge des Betrachters 😆 .

    LG Anna-Lena

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